Was ist, wenn wir Führung in den letzten Jahren etwas zu gründlich abgeschafft haben?

New Work, agile Methoden, Selbstorganisation – mehr Freiheit, weniger Kontrolle, mehr Eigenverantwortung statt Top-down lautete die Devise. Führungskräfte sollten Enabler, Coaches und Raumgeber sein, möglichst gute Fragen stellen und sich mit Antworten eher zurückhalten.

Ja, zugegeben, auch ich habe ordentlich mitgefeiert. Und vieles davon war tatsächlich bitter nötig, wie ich finde.

Trotzdem frage ich mich inzwischen, ob wir Führung und Kontrolle dabei nicht zu enthusiastisch in denselben Topf geworfen haben – und mit dem Mikromanagement gleich noch das Entscheiden, Priorisieren und Verantwortungsübernehmen entsorgt haben.

Gleichzeitig nehme ich eine deutliche Gegenbewegung wahr: In Organisationen begegnet mir wieder häufiger der Wunsch nach Orientierung, Klarheit und im Zweifel nach jemandem, der nicht noch eine Reflexionsschleife dreht, sondern einfach mal ’ne Ansage macht.

Natürlich wäre es paternalistisch, daraus einfach abzuleiten, Menschen bräuchten jetzt „mehr Führung“. Die spannendere Frage ist: Was brauchen sie tatsächlich – Orientierung, eine Entscheidung oder gerade den Raum, selbst zu entscheiden?

Dass Orientierung gerade stärker gefragt ist, finde ich erstmal nicht wahnsinnig überraschend. Krieg, Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheit und KI – die Welt fühlt sich wahrhaftig nicht gerade übersichtlicher an. Und wer ohnehin schon auf schwankendem Boden steht, erlebt maximale Selbstorganisation nicht zwingend als Befreiungsschlag.

Und manchmal sieht das, was wir Selbstorganisation nennen, verdächtig nach Entscheidungsvermeidung aus: Entscheide du mal. Ich weiß es nämlich auch nicht. Oder wahlweise: Ich muss dann mal weg.

Das heißt nicht, dass Menschen plötzlich zurück in die Neunziger wollen und morgens beim Chef ihre Arbeitsaufträge abholen und dankbar nicken, wenn ihnen erklärt wird, was wie zu tun ist. Autonomie verschwindet nicht, nur weil draußen der Wind auffrischt.

Vielleicht wird’s aber Zeit, Führung zu rehabilitieren.

Nicht die machtgierige Führung, die alles besser weiß und Menschen klein hält. Sondern eine Führung, die sich traut, Verantwortung tatsächlich zu übernehmen – auch dann, wenn die Faktenlage dürftig, die Entscheidung unpopulär und der Ausgang alles andere als sicher ist.

Gerade darin liegt vielleicht der Kern von Verantwortung. In seinem Buch „Kompromisse. Warum die Wahrheit uns nicht retten wird“ formuliert Nils Goldschmidt einen Gedanken, der das für mich ziemlich gut trifft: Unter dauerhafter Unsicherheit lassen sich die Ergebnisse von Entscheidungen nicht mehr zuverlässig berechnen. Man kann sie nur noch verantworten. Verantwortung beginnt da, wo Gewissheit endet.

Wer schon mal bei mehr Wind als einem lieb war auf einem Segelboot saß, kennt das: Auf ruhigem Wasser ist es ein Leichtes, Verantwortung zu verteilen und verschiedene Kurse zu testen. Wenn einen allerdings der Sturm fast vom Boot fegt und das Adrenalin die Brust eng macht, ist irgendwann nicht mehr der Moment für einen Workshop zur gemeinsamen Kursfindung.

Dann muss klar sein, wer das Steuer nimmt, eine Entscheidung trifft und mit den Konsequenzen lebt. So be it.

Und genau das ist vielleicht der Teil von Führung, über den wir in den letzten Jahren ein bisschen zu leise gesprochen haben: Es gibt nun mal Momente, in denen jemand sagen muss, was jetzt gilt. Nicht, weil diese Person allwissend wäre oder die anderen zu doof sind, sondern weil auch Nicht-Entscheiden Konsequenzen hat – und Entscheidungsvermeidung Verantwortung nicht verschwinden lässt.

Ist halt unbequem: Wer entscheidet, kann falschliegen. Wer Verantwortung übernimmt, macht sich angreifbar. Und wer einen Kurs vorgibt, muss damit rechnen, dass mindestens einer an Bord einen anderen Kurs für wesentlich schlauer hält.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum es sich manchmal so viel angenehmer anfühlt, in der wohlmeinenden Coachingrolle zu bleiben. Gute Fragen stellen, Verantwortung im System lassen, noch eine Schleife drehen – kann alles wunderbar passend sein. Kann aber eben auch eine ziemlich elegante Art sein, sich vor einer Entscheidung zu drücken.

Und bevor jetzt jemand die alte Kapitänsmütze aus dem Schrank holt: Das ist kein Plädoyer für die Wiederauferstehung des allwissenden Chefs. Mitnichten.

Denn genauso fatal wie niemand am Steuer ist jemand, der es partout nicht mehr aus der Hand geben will.

Führung zeigt sich für mich deshalb nicht darin, immer zu entscheiden. Sondern darin, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass entschieden wird – und immer wieder zu klären, wann man selbst dafür gebraucht wird und wann verdammt nochmal nicht.

Vielleicht ist deshalb gar nicht die entscheidende Frage, WER das Steuer hält, sondern ob jemand merkt, wann es Zeit ist, es in die Hand zu nehmen – und wann es Zeit ist, es wieder loszulassen.

Loslassen haben wir jedenfalls ziemlich ausgiebig geübt. Vielleicht ist jetzt mal wieder ein bisschen Entscheiden dran.

Ich entscheide das. Und ja, ich übernehme dafür die Verantwortung

/

Johanna

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Organisationsgestaltung
Tomppert Walter-von Klitzing
Dipl. Psychologin MBA – Dipl. Kommunikationswirt PartG

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